Claus Rottenbacher 

KURZVITA  Claus Rottenbacher, geboren 1965, lebt und arbeitet in Berlin. Ausgebildet als Ingenieur war er nach seiner Promotion einige Jahre als angestellter Unternehmensberater und selbstständiger Unternehmer tätig. Seit 2004 arbeitet er als Fotograf sowohl an freien, künstlerischen Serien wie auch an Auftragsarbeiten. Seine freien Arbeiten fokussieren auf gesellschaftspolitische Themen wie z.B. dem Umgang mit Macht (Prostratio), der Bedeutung von Europäischen Grenzen (Non Plus Ultra) oder der Migration im 21. Jahrhundert (Land of Promise). Seine Auftragsarbeiten widmen sich der Porträtfotografie von Räumen und Menschen.  

 

Seit siebzehn Jahren reisen Claus Rottenbacher und seine Frau nach Lampedusa, damals brachte sie ein Kinofilm auf die winzige Insel im Mittelmeer. Politisch gehört Lampedusa zu Italien – geografisch allerdings zu Afrika, liegt das Eiland doch nur 138 Kilometer vor der tunesischen Küste entfernt. Das »Tor zu Europa« kennt man aus Medienberichten wegen der Migrationsströme, mit oftmals tödlichem Ausgang auf dem offenen Meer. Was viele nicht wissen ist, dass die Fischerinsel für Italiener ein beliebtes Urlaubsziel darstellt. In den Sommermonaten fliegen aus den Zentren des Landes täglich große Charter-Maschinen den Flughafen an. Touristen und Geflüchtete kommen kaum miteinander in Berührung – für sie ist Lampedusa nur eine kurze Durchgangsstation auf dem Weg zum Festland. 2015 erhielt die ehemalige Bürgermeisterin der Insel den Stuttgarter Friedenspreis für Ihren sozialen Umgang mit den Migranten. Der Ton in der Politik ist mittlerweile rauer geworden, doch für die Fischer der Insel ist klar, dass jeder Mensch, der in Seenot gerät, gerettet werden muss. Bei einem Bootsunglück 2013 konnte nicht allen Flüchtlingen aus Afrika geholfen werden, von den 545 Geflüchteten starben 366 Personen. Als Gedenken an die Toten schenkte Papst Franziskus der Gemeinde 2018 ein Kreuz. Bei der Anlieferung des in blauer Folie verpackten und eng verschnürten Kruzifix war Claus Rottenbacher zufällig in der Nähe und hielt den Augenblick fest. 

Anders als seine vorherigen Serien ist »Land of Promise« nicht analog fotografiert, sondern entstand 2018 digital, während Fahrten auf der Vespa. Die spontanen Momentaufnahmen nehmen den Betrachter mit auf die Insel und laden zum Verweilen ein. Man fühlt die Hitze, riecht das Meer und genießt den Luxus an Natur. Die Doppeldeutigkeit der Bilder kommt etwas später ins Bewusstsein. Doch gerade diese Ambiguität ist der Aufhänger von Rottenbachers Fotoarbeiten. Der Künstler lässt dem Betrachter Zeit, sich im Bild zurecht zu finden ohne dabei belehrend zu sein. Für ihn werden die Fotoarbeiten bestenfalls menschlich besprochen und nicht politisch diskutiert. Im »Gelobten Land« stehen sich Urlaubsparadies und das heilsversprechende Europa gegenüber: »Die Wahrheit ist zumutbar, die Augen darf man nicht verschließen«, so der Fotograf. 

Text: Barbara Green, Foto: Meike Kenn

@2020 / contemplatio / Berlin